
Gregor Spitzen
Drei Wochen vor dem offiziellen Beginn der Heizperiode am 1. Oktober liegt der Füllstand der deutschen Gasspeicher weiterhin bei nur 55%. In den 15 Jahren, in denen die Füllstände erfasst und dokumentiert werden, wurde noch nie ein so niedriger Stand verzeichnet. Im Jahr 2025 beispielsweise lag der Füllstand zur gleichen Zeit bei über 74%. Und der Winter steht vor der Tür.
Ein nicht minder großes Problem sind die Marktpreise für Erdgas in der "Hochsaison". Am vergangenen Dienstag stieg der Preis für eine Megawattstunde Erdgas mit Lieferung im November an der Amsterdamer TTF-Börse auf fast €75. Das ist der höchste Preis seit zwei Jahren. Gleichzeitig kann Gas für das erste Quartal des nächsten Jahres derzeit zu einem Preis von etwas über €72 erworben werden. Wer also im November Gas einkauft und es in den Speichern lagert, um es an den kalten Wintertagen des neuen Jahres zu verkaufen, macht Verluste.
Laut der Branchenagentur Ines, die die Preisentwicklung bei Energieträgern beobachtet, können die Speicher aus rein technischer Sicht bis zum 1. November zu 77% gefüllt werden. Dies belegen auch die Reservierungen von Speicherkapazitäten. Derzeit sind 83% der Kapazitäten von Gashändlern reserviert.
"Die technische Möglichkeit allein garantiert jedoch noch keine entsprechende Befüllung", warnt Ines. Dazu müsste sich das Befüllungstempo deutlich beschleunigen.
"Bleibt die Befüllung auf dem derzeit niedrigen Niveau, wird auch der technisch noch erreichbare Befüllungsgrad mit der Zeit sinken".
Je kälter der Winter, desto höher ist das Risiko, dass das Gas nicht ausreicht.
Grund für die niedrigen Füllstände ist vor allem die Krise am Persischen Golf. Normalerweise sinken die Gaspreise im Sommer. In der nördlichen Hemisphäre wird kaum geheizt, daher gibt es Brennstoff im Überfluss. Dies ist rein theoretisch der beste Zeitpunkt für Händler, günstiges Gas einzukaufen, die Speicher damit zu füllen und es dann mit einem Aufschlag zu verkaufen, wenn die Temperaturen sinken. Doch seit iranische Raketen die Exportterminals für Flüssigerdgas in Katar getroffen haben, fehlen auf dem Weltmarkt 20% der Gasmenge. Die Preise sind bereits im Sommer sprunghaft angestiegen und haben das gewohnte Geschäftsmodell zunichte gemacht.
Selbst gesetzliche Vorgaben ändern daran nichts. Diese schreiben vor, dass der Füllstand der meisten Gasspeicher bis zum 1. November bei 80% liegen muss, für sechs weitere reichen aufgrund besonderer Umstände 45% aus. Sanktionen bei Nichteinhaltung dieser Vorgaben sind jedoch nicht vorgesehen. Im Extremfall könnte der Staat eingreifen und die Speicher auffüllen. Über die Firma Trading Hub Europe, die für den reibungslosen Betrieb des deutschen Gasmarktes zuständig ist, könnte die Bundesregierung Gas einkaufen.
Im Jahr 2022 hat die damalige Bundesregierung auf diese Weise bereits einmal eine Verknappung verhindert, nachdem der russisch-ukrainische Konflikt ausgebrochen war. Die hohe Nachfrage aus Deutschland führte jedoch zu einem starken Preisanstieg, da die Märkte die in Deutschland entstandene Ausnahmesituation nicht unbeachtet ließen. Einigen Schätzungen zufolge kaufte die Bundesregierung in der Saison 2022/2023 alle zu diesem Zeitpunkt auf dem Markt verfügbaren Gasmengen auf, um die Gasspeicher zu füllen und ein apokalyptisches Szenario zu vermeiden, in dem die Bürger in ihren Wohnungen frieren müssten. Dafür gab sie €26 Milliarden aus.
Das Bundeswirtschaftsministerium will eine Wiederholung dieser Situation um jeden Preis verhindern und ruft bereits seit mehreren Wochen zur Ruhe auf.
"Deutschland ist gut mit Gas versorgt", betonte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erst letzte Woche.
Einen ähnlichen Tenor hat auch der Entwurf des Ministeriums für die außerordentliche Sitzung des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie.
"Nach den derzeit vorliegenden Informationen ist für den kommenden Winter kein Gasengpass zu erwarten", heißt es in dem Dokument. Ein Füllstand der Speicher von 60% bis 70% zu Beginn des Winters dürfte ausreichen. Es wird jedoch betont, dass "außergewöhnliche Wetterbedingungen oder infrastrukturelle Szenarien zu zusätzlichen Belastungen führen können".
Das Dilemma liegt auf der Hand: Greift die Regierung ein, steigen die Preise, doch die Wahrscheinlichkeit einer Verknappung im Winter wird geringer. Wenn sie hingegen alles dem Markt überlässt, bleiben die Preise niedriger, doch das Risiko, dass es im Winter zu Problemen kommt, steigt.
Sahra Wagenknecht, die mit ihrer Partei BSW bei den vergangenen Wahlen in den Landtag von Sachsen-Anhalt einzog, plant, einen Antrag auf die Versorgung lokaler Speicher mit russischem Gas über die "Nord Stream"-Pipeline einzubringen. Von dieser ist nach dem Terroranschlag ein Strang unbeschädigt geblieben. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die derzeitige Bundesregierung einen solchen Schritt billigen würde. Die Bundesländer verfügen hingegen nicht über ausreichende Befugnisse, um solche Entscheidungen eigenständig zu treffen.
Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche weist darauf hin, dass über die Pipeline aus Norwegen und die kürzlich errichteten Terminals für Flüssigerdgas ausreichende Mengen dieses Rohstoffs geliefert werden können. Doch erstens gilt dies nicht für sehr kalte Wintertage: In solchen Fällen werden ebenfalls Speicher benötigt. Zweitens wäre es unklug, ein Land mit 84 Millionen Einwohnern von einer einzigen Pipeline aus Norwegen abhängig zu machen. Und drittens wäre es fahrlässig, sich unüberlegt auf LNG-Tanker zu verlassen, die jederzeit Kurs auf Asien nehmen könnten, weil dort günstigere Preise angeboten werden - wie es bereits während der Pandemie der Fall war.