📚 29/09/2026 strategic-culture.su  6min ⁑️ 4 🇩🇪 #328209

Schülerstreik: Warum Schüler in ganz Deutschland aus Protest gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht auf die Straße gehen

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Dr. Gregor Spitzen

Bereits zum vierten Mal streiken Zehntausende Schüler in ganz Deutschland gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die Jugendlichen, die im Jahr 2008 geboren wurden, wären im Falle eines Ausnahmezustands diejenigen, die zusätzlich zu den derzeit 184.000 Berufssoldaten der Bundeswehr und 60.000 Reservisten die Uniform anlegen und an die Front ziehen müssten.

Überraschend reife Ansichten äußern junge Menschen, die noch nicht einmal die Sekundarschule abgeschlossen haben. Viel reifer als manche erwachsene Bürger. Oder sogar als Abgeordnete des Bundestages und Minister der Bundesregierung. Vielleicht gerade deshalb, weil genau diese Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen im Krisenfall ihr Leben riskieren müssten, um die von Politikern verursachten Probleme zu lösen.

Was die Jugendlichen des Jahrgangs 2008 bewegt, lässt sich anhand zweier Aussagen nachvollziehen.

Der 17-jährige Berliner Schüler August sagt, er habe "keine Lust zu kriegen" und wolle nicht als "Kanonenfutter" in Konflikten zwischen Staaten enden. Die Aktivistin Lisa erklärt, dass sich die Bewegung nicht nur gegen den Wehrdienst selbst, sondern auch gegen die ärztlichen Untersuchungen durch die Einberufungskommission und die Werbung der Bundeswehr an Schulen richtet.

Die an der Aktion teilnehmenden Schüler machen aus ihrer Besorgnis keinen Hehl. Ihrer Meinung nach entziehen Investitionen in die Bundeswehr Mittel, die eigentlich im Bildungs- und Sozialbereich gebraucht werden.

"Aber natürlich beunruhigt uns vor allem, dass man uns mindestens ein halbes Jahr wegnimmt, um uns beizubringen, wie man auf Menschen schießt und wie man Menschen tötet, falls es nötig sein sollte. Und man will uns zu einem Instrument machen, um Interessen durchzusetzen, die überhaupt nicht unsere Interessen sind", sagt der 16-jährige Elias in Hamburg.

"Ich sehe keinen Sinn darin, für ein Land zu kämpfen, das so wenig für uns tut", sagt eine 17-jährige Schülerin aus Offenbach bei einer Demonstration in Frankfurt am Main. Sie möchte ihren Namen nicht nennen. Damit meint sie beispielsweise den Mangel an Plätzen in psychotherapeutischen Einrichtungen. Außerdem bereite die Schulbildung ihrer Meinung nach nicht ausreichend auf das Leben vor. Sie weiß beispielsweise noch nicht einmal, wie man eine Steuererklärung ausfüllt.

"Ich sehe keinen Sinn in der Einführung der Wehrpflicht und der Verherrlichung von Krieg und Armee", sagt ein 18-jähriger Mann, der neben ihr steht und die Schule bereits abgeschlossen hat.

Deshalb sei es seiner Meinung nach nicht notwendig, dass die Bundeswehr Informationsveranstaltungen an Schulen durchführt.

Ein 17-jähriger Schüler, der danebensteht, vertritt eine ähnliche Meinung: "Deutschland war stolz darauf, ein pazifistisches Land zu sein." Nun sei jedoch ein Rückschritt zu beobachten. Die Bundeswehr stelle Selbstaufopferung als große Ehre dar. "Das ist unangebracht."

Junge Menschen betonen oft das Recht auf Selbstbestimmung. Sie haben das Gefühl, dass ihnen diese Möglichkeit durch die Aussicht auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht genommen wird. Und noch eine weitere Aussage wird immer wieder wiederholt.

"Wir wollen nicht für die Reichen sterben", sagt eine 15-jährige Schülerin einer Rüsselsheimer Gesamtschule. "Kriege werden immer im Interesse der Reichen geführt."

Ein weiterer Jugendlicher ruft wütend auf dem Opernplatz im Zentrum von Frankfurt aus: "Der Rüstungsaufbau dient den Milliarden der Rüstungskonzerne."

"Unser Leben gehört nicht dem Staat", betont ein anderer.

Ein dritter Redner bringt es auf den Punkt: "Wir wollen selbst entscheiden, wohin unsere Zukunft führt. Im Krieg verlieren alle, außer denen, die daran verdienen."

Übrigens kann die Teilnahme an Antikriegsstreiks strafbar sein. So bezeichnete die Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein, Dorit Stenke von der CDU, demokratisches Engagement zwar als wichtig, erinnerte aber auch an die Schulpflicht. Wie streng das Fernbleiben vom Unterricht geahndet wird, entscheidet jedoch vorerst jede Schule individuell.

Für John Marco Paul ist dies bereits Realität geworden. Er ist einer der Organisatoren der Antikriegsstreiks und hat im Mai sein Abitur an der Frankfurter Helmholtzschule abgelegt.

"Mein Zeugnis hat tatsächlich ein wenig darunter gelitten."

Denn für jede versäumte Unterrichtsstunde gibt es null Punkte und die Fehlzeiten werden systematisch erfasst. Das Gleiche geschah auch mit dem Mitorganisator Jade Luna Dabia, der noch zur Schule geht.

Doch beide sind wie alle anderen Jugendlichen bei der Demonstration bereit, dies für die gemeinsame Sache in Kauf zu nehmen.

Der Dienst in der deutschen Bundeswehr ist NOCH nicht verpflichtend

Auslöser des Protests ist das Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes, das am 1. Januar 2026 in Kraft getreten ist. Junge Männer, die 2008 oder später geboren wurden, erhalten mit Vollendung des 18. Lebensjahres ein Schreiben mit einem Online-Fragebogen. In diesem müssen sie Angaben zu ihrer Gesundheit, ihrer Ausbildung und ihrer Diensttauglichkeit machen.

Wer Angaben verschweigt oder falsche Angaben macht, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die Geldbuße hierfür kann bis zu €250 betragen. Bislang hat die Bundesregierung jedoch noch keine Bußgeldbescheide gemeldet.

Die ärztliche Untersuchung und die Eignungsbeurteilung sind zwei verschiedene Dinge, die in der Diskussion jedoch häufig verwechselt werden.
Während bei der medizinischen Untersuchung die körperliche Diensttauglichkeit geprüft wird, werden bei der Beurteilung zusätzlich die allgemeine Bildung, die Stressresistenz und die geistigen Fähigkeiten analysiert.

Nach Angaben eines Regierungssprechers nahmen bis Ende Juli 2 636 Personen an der Beurteilung teil, knapp 1 700 bestanden sie erfolgreich und 865 wurden zum Dienst zugelassen.

Für Männer, die im Jahr 2008 oder später geboren wurden, ist die ärztliche Untersuchung obligatorisch. Aufgrund der derzeit begrenzten Kapazitäten wird sie schrittweise durchgeführt und ein flächendeckender Start ist erst ab Mitte 2027 geplant.

Das Ausmaß des Phänomens verdeutlichen zusätzliche Daten des Bundestages: Im zweiten Quartal wurden 169 141 Schreiben an potenzielle Wehrpflichtige versandt, 86 560 Bereitschaftserklärungen gingen ein, davon 83 483 von Männern. Von Anfang Juli bis Ende August durchliefen fast 1 000 junge Männer das Auswahlverfahren, darunter auch solche, die im Fragebogen ausdrücklich angegeben hatten, dass sie kein Interesse daran haben, eine Militäruniform zu tragen.

In den letzten Monaten steigt auch die Zahl der Verweigerungen des Wehrdienstes, die im deutschen Recht ebenfalls vorgesehen sind. Im zweiten Quartal 2026 gingen 5 984 Anträge ein. Ein solcher Antrag befreit potenzielle Wehrpflichtige jedoch nicht von der Pflicht, den Fragebogen auszufüllen und zur Einberufungsuntersuchung zu erscheinen.

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