
Wenn die EU-Außenminister wieder über Sanktionen beraten, müssten sie erkennen: Russland hat das bislang kaum geschadet. Stattdessen schneidet sich Europa ins eigene Fleisch.
Es war ein Lobbyist der Pharmaindustrie, der mir seine Arbeitsweise im Berliner Regierungsbetrieb so beschrieb:
"Wir kloppen immer auf dieselbe Stelle. Irgendwann gibt's doch 'ne Delle."
Genau nach diesem Prinzip arbeitet der Westen mit Blick auf Putins Russland. 21 Sanktionspakete hat die EU bereits gegen Russland beschlossen, seit Wladimir Putin die Ukraine überfiel. Wenn sich heute in Irland die EU-Außenminister treffen, um eine Review vorzunehmen, werden sie - Ehrlichkeit vorausgesetzt - eine ernüchternde Bilanz ziehen müssen: 21-mal zielten wir auf dieselbe Stelle. Und bis heute gibt es keine Delle.
Europa droht ein "Sanction Overkill"
Putin ist weiter putzmunter. Und der Krieg in der Ukraine läuft nicht mit unverminderter, sondern mit zunehmender Härte in seinem fünften Jahr. Die Fakten: Fast 17.000 ukrainische Zivilisten sind gestorben, Milliardenwerte wurden zerstört, ein Fünftel des ukrainischen Territoriums ist russisch besetzt, und jede Nacht regnet es Raketen vom Himmel, mittlerweile auch weit hinter der Front. Das hindert die europäischen Außenminister nicht daran, das 22. Sanktionspaket vorzubereiten.
So dreht sich der westliche Hamster weiter im Rad, was dem Hamster mehr schadet als dem Rad. "Sanction Overkill" nennt das Agathe Demarais in ihrem Buch "Backfire: How Sanctions Reshape the World Against U.S. Interests". Denn der Ökonomin ist in nunmehr dreijähriger Arbeit für den European Council on Foreign Relations aufgefallen, dass Sanktionen durchaus eine Wirkung entfalten, aber anders als gedacht.
Fünf Gründe sprechen dafür, dass die Wirtschaftssanktionen heute in Irland am besten von der Tagesordnung abgesetzt werden sollten, um weiteren Schaden von Westeuropa abzuwenden.
#1 Ein rohstoffreiches Land findet sofort andere Kunden
Wer im Westen geglaubt hat, mit Sanktionen die weltgrößte Rohstoffmacht in die Knie zwingen zu können, hat sich geirrt. Binnen kürzester Zeit konnte sich Putin auf die Umgehung der Sanktionen einstellen und neue Import- und Exportpartner akquirieren. Die ganze Welt ist scharf auf russisches Öl und Gas.
#2 Neue strategische Partnerschaften erschweren politische Lösungen
Der bilaterale Handel zwischen China und Russland erreichte 2025 einen Wert von fast 230 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Vor dem Krieg und der Corona-Pandemie, im Jahr 2019, waren es noch 110 Milliarden. Nachdem die EU Russland vom westlichen Zahlungsverkehrssystem SWIFT ausgeschlossen hatte, flossen die Zahlungsströme von und nach Russland ununterbrochen weiter - über das moderne chinesische Zahlungssystem CIPS.
Das westliche Sanktionsregime hat Russland also nicht isoliert, sondern in die Arme neuer Partner getrieben: China, Nordkorea und Iran. Aus diesem Club der bösen Jungs heraus wird eine politische Lösung des Ukraine-Krieges nicht erleichtert, sondern erschwert.
Die "Achse des Bösen" wächst
Denn es wurden neue institutionelle Tatsachen geschaffen. Die Verfestigung der "Axis of Evil" - wie George W. Bush 2002 Irak, Iran und Nordkorea bezeichnete - erweitert sich: Iran, Russland und China unterzeichneten im Januar 2026 einen trilateralen Strategiepakt, um ihre politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit gegen westliche Sanktionen zu verankern.
Ein Handels- und Militärabkommen zwischen Russland und Nordkorea kam hinzu. Mit der neuen eurasischen Sicherheitsstruktur will man sich gegen militärische Bedrohungen aus dem Westen absichern.
Das Sterben wurde internationalisiert: Mittlerweile lässt Russland auch Zigtausende nordkoreanische Soldaten an die Front transportieren. Die armen Teufel haben von der Ostukraine nie gehört, und viele von ihnen werden dort jetzt ihre letzte Ruhestätte finden.
#3 Sanktionen als Inflationstreiber
Das Ölembargo gegen Russland seit dem 5. Dezember 2022 und der zeitgleiche Einbruch der russischen Gaslieferungen haben dazu geführt, dass sich Europas Energieimporte spürbar verteuerten. Einst war das billige russische Gas ein Treiber des deutschen Aufstiegs zur Exportmacht. Nun führt die Verteuerung der Energie insgesamt zu Preissteigerungen.
Dominoeffekt: Die Notenbanken haben keine andere Wahl, als die steigende Inflation mit steigenden Zinsen zu bekämpfen. Deshalb trifft die Gleichzeitigkeit der Russland-Sanktionen und der Iran-Sanktionen die USA und Europa besonders hart.
Erst gestern meldete das Statistische Bundesamt für Deutschland wieder eine Inflation von 2,9 Prozent. Die USA litten im Juli unter einer Inflation von 3,4 Prozent, was, vermittelt über die Zinspolitik, alle Investitionen verteuert.
#4 In Autokratien schweißt äußerer Druck zusammen
Sanktionen sollen die Herrschenden treffen und das Volk verschonen. In Autokratien passiert das Gegenteil: Der äußere Druck schweißt zusammen, was innen längst auseinanderstrebte.
Nach der Krim-Annexion 2014 gingen Putins Beliebtheitswerte in die Höhe. Nach Beginn der "Spezialoperation" - nur so darf in Russland der Angriffskrieg gegen die Ukraine genannt werden - wiederholte sich das Muster.
Nach Angaben des Lewada-Zentrums, des einzigen von staatlichen Investitionen unabhängigen Meinungsforschungsunternehmens in Russland, hielten sich die Zustimmungswerte zu Putin über den größten Teil des Krieges hinweg bei über 80 Prozent.
In Russland wird das Bild des "russophoben" Westens gezeichnet; Sanktionen dienen als Beweismittel dafür.
#5 Beschränkte Reisetätigkeit trifft die Falschen
In den Sanktionspaketen wurden immer auch Reisebeschränkungen für die russischen Eliten beschlossen. Das führt insbesondere in den Flagship-Stores am Kurfürstendamm, auf den Champs-Élysées und an der Fifth Avenue zu spürbaren Umsatzrückgängen.
Hilflosigkeit mit Ansage: Die Vertreter des russischen Rechtssystems werden ohnehin keinen Fuß in den Westen setzen. Sie sind durch die amerikanischen und europäischen Einreiseverbote nicht zu erreichen.
Das Sanktions-Ass hat sich als Niete erwiesen
Fazit: Die Zeit der Sanktionen geht vorbei, weil ihre Nebenwirkungen gravierend sind. Agathe Demarais schreibt:
"In den kommenden Jahren wird Washington lernen müssen, mit Partnern zusammenzuarbeiten und mit Gegnern zu verhandeln, ohne dabei das Sanktions-Ass im Ärmel zu haben."
Denn das Ass hat sich als Niete erwiesen.
Originalbeitrag Focus